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Erhard An-He Kinzelbach, Architekt BDA, KNOWSPACE, Berlin

Erhard An-He Kinzelbach im Gespräch mit David Kasparek

David Kasparek: Herr Kinzelbach, welche Personen haben Sie geprägt und Ihre Arbeit als Architekt beeinflusst?
Erhard An-He Kinzelbach:
Da gibt es einige, die mich beeinflusst haben. Thomas Sieverts, Dietmar Eberle und Alejandro Zaera-Polo waren für mich im Studium wichtig, auch Farshid Moussavi in der Zeit, als ich selbst in der Lehre aktiv wurde. Und natürlich, wenn auch weniger direkt, Rem Koolhaas, in dessen Büro ich gearbeitet habe. Zuletzt Wang Shu, der mich als Professor an seine Architekturschule nach China geholt und dort sehr gefördert hat.

Sind die Einflüsse von Thomas Sieverts und Wang Shu unterschiedliche Pole oder zwei Seiten einer Medaille?
Beide sind sehr unterschiedlich, aber dennoch gibt es viele Elemente, die sie in meinen Augen verbindet. Allein der Aspekt der Durchdringung und Interdependenz von Stadt und Landschaft findet sich bei beiden wieder. Bei Sieverts sieht man das in seiner Betrachtung der ‚Zwischenstadt’. Die Frage, inwiefern Stadt und Landschaft, Innen und Außen eins sind und in einem kontinuierlichen Zusammenhang stehen, spielt auch in Wang Shus Architektur eine große Rolle.

Sie sind sowohl in China als auch in Deutschland aufgewachsen, haben in Darmstadt und Zürich studiert und sind dann in die USA und später nach Österreich gegangen. Hatten Sie das Gefühl, mehr sehen zu müssen?
Meine Ausbildung in Darmstadt und an der ETH war sehr technisch. Ich wollte mich mehr mit Architekturtheorie beschäftigen, deswegen der Schritt an die Columbia University. Das Masterstudium dort war stark von Theorie geprägt, neuen Technologien und Formfindungen, das hat mich interessiert. Nach Österreich bin ich zum Unterrichten gegangen, an die Akademie der bildenden Künste in Wien.

Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzelbach (Mitarbeit Gruber, Lopez-Perez), Landes-pensionisten- und Pflegeheim, Hainburg, Österreich 2007 – 2009, Foto: Thomas Ott

Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzelbach (Mitarbeit Gruber, Lopez-Perez), Landes-pensionisten- und Pflegeheim, Hainburg, Österreich 2007 – 2009, Foto: Thomas Ott

In Österreich findet sich dann auch ein interessanter Bau von Ihnen: das Landespensionistenheim in Hainburg ist ein in einem Park gelegener langer Baukörper, dessen vielfach gefaltete Fassade auf mehreren Ebenen wirksam  scheint.
Das ist ein Anbau an ein Pflegeheim – letztlich eine Aneinanderreihung von 50 Einzelzimmern, ein Gemeinschaftsprojekt mit Christian Kronaus. Wir haben uns gefragt, ob 50 identische und durchreglementierte Zimmer in der Summe wohl gute Architektur ergeben können. Es ging uns dabei von Anfang an um die Spannung zwischen Repetition und Differenzierung.  Dazu kam der Kontext des großen Parks hinter dem Bestandsbau, in dem wir möglichst viele Bäume erhalten wollten, was nur einen langen Riegel als Baukörper zuließ. Durch die zweifache Faltung der Fassade versuchten wir, die Linearität des Baukörpers zu brechen und gleichzeitig jedes Zimmer an der Fassade ablesbar zu machen. Zudem vermittelt der Farbverlauf der Fassaden-Schindelung zwischen den Farben des Bestands und dem Grundton des Parks.

Dieser Schachzug führt einerseits zu einer Verzahnung des Gebäudes mit dem Ort, lässt ihn aber deutlich als etwas Neues erscheinen. Was ist Ihnen heute wichtiger, die Integration des Baus in den Bestand oder das bewusste Abgrenzen von der vorgefundenen Situation?
Das hängt ganz sicher zunächst einmal von der Bauaufgabe ab. Bei diesem Projekt – wie auch beim Gericht in St. Pölten – war die Aufgabe, funktional an einen bestehenden Bau anzuknüpfen. Das bringt andere Notwendigkeiten mit sich, als wenn es ‚nur’ um eine Baulückenschließung geht.

Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzelbach, Gerichtsgebäude, St. Pölten, Österreich, 2008 – 2011, Foto: Thomas Ott

Christian Kronaus + Erhard An-He Kinzelbach, Gerichtsgebäude, St. Pölten, Österreich, 2008 – 2011, Foto: Thomas Ott

Wie sieht Ihre Methode bei einem solchen Weiterbauen aus?
Zwei aus der Genetik entlehnte Begriffe umschreiben es ganz gut: zunächst gibt es einen ‚Genotyp’, der unabhängig ist von einem Kontext und erst dann kommt der ‚Phänotyp’, der konkret von der Umgebung beeinflusst wird. Mit dieser Methodik versuche ich etwas Prototypisches zu schaffen, das ortunabhängig aber nicht regellos ist, sondern typologischen Kriterien folgt und schließlich in einen Lebensraum gesetzt wird, der das Projekt rückkoppelnd auch noch einmal wesentlich verändert.

Können Sie sich Situationen vorstellen, in denen der Kontext eine strikte Unterordnung verlangt oder eben erfordert, sich ihm mit dem Projekt und einer starken Geste entgegenzustellen?
Beides ist mit Sicherheit möglich. Diese Spannung war auch bei den Projekten in St. Pölten und Hainburg ein wichtiges Thema: eigenständig sein auf der einen Seite – und gleichzeitig den historischen Bauten nicht die Show stehlen, was in sich ein Widerspruch sein kann.

Wie sind Sie mit diesem Widerspruch umgegangen?
In St. Pölten haben wir versucht, es gleichermaßen über die Materialität und die Gliederung der Kubatur zu lösen.  Das Fassadenmaterial ist ein sehr modernes, passt sich in seiner Färbung aber subtil dem Altbau an. Die Gliederung der Kubatur in zwei Körper sorgt für eine direkte funktionale Anbindung, schafft aber auch eine deutliche trennende Glasfuge zum Altbau hin.

Beide Projekte haben Sie gemeinsam mit Christian Kronaus geplant und umgesetzt. Beim Entwurf für den Multimedia-Pavillon im Jinhua Architecture Park haben Sie mit Ai Weiwei zusammengearbeitet. Bei Projekten in China, Österreich und Deutschland und dem Studio zeitweise in New York, Wien, Hangzhou und nun in Berlin stellt sich die Frage, inwiefern Architektur für Sie das dauerhafte Pflegen eines Netzwerks und das Arbeiten in temporären unterschiedlichen Kooperationen ist?
Christian Kronaus habe ich in Wien kennengelernt, Ai Weiwei kennt mich von Kindesbeinen an. In der Tat habe ich immer, egal an welchem Ort, mit lokalen Akteuren zusammengearbeitet. Das ist aber kein programmatisches Netzwerk, wie andere das betreiben und sich auch darüber definieren. Dennoch sind das keine Fäden, die nach Vollendung eines Projektes abgeschnitten werden – mit Christian Kronaus habe ich gerade erst wieder gemeinsam an einem Wettbewerb teilgenommen.

Ihre Projekte und Partner lassen auf eine Art Rückbesinnung auf das jeweils Lokale schließen. Ist das eine Gegenbewegung zum Architekturexport der Stars, oder eine eher lineare Weiterentwicklung?
Natürlich gibt es die Großen nach wie vor, aber ich denke, das Modell des Stararchitekten hat keine Zukunft.  Allein die Art und Weise wie Projekte heute entstehen, mit dem Architekten als Moderator von komplexen Prozessen mit vielen, auch lokalen Akteuren, zeigt das. Lokale Materialität zum Beispiel ist fast schon eine Mode geworden. Dennoch ist es gut, dass es diese Bewegung gibt. Die Notwendigkeit der Nachhaltigkeit ist ein weiterer Aspekt, der zu einer solchen lokal geprägten Architektur führt. Ich gehe an meine Projekte experimentell heran  – die Einbindung von und Rückkoppelung mit lokalen Elementen, auch dem gebauten Kontext, ist dabei vorwärtsgewandt und keine Rückbesinnung.

Ist die Neuentdeckung des Lokalen eine Reaktion auf die Globalisierung?
Ja. Natürlich führt die Globalisierung und die mit ihr einhergehende Tendenz der kulturellen Vereinheitlichung manchmal auch zu einer neuen Blüte regionaler Identitäten und Kulturen. Leider geht es nur selten über das Folkloristische hinaus. Dazu kommt für mich, dass das Bauen an sich doch etwas sehr Lokales ist. Vor Ort auf der Baustelle wird immer lokal entschieden. Und zwar so, dass es manchmal schon schwierig sein kann beispielsweise von Deutschland aus in Österreich zu bauen – da muss man gar nicht nach China gehen.

KNOWSPACE, Atelier-Häuser, Songzhuang, China 2011 – 2013, Foto: KNOWSPACE

KNOWSPACE, Atelier-Häuser, Songzhuang, China 2011 – 2013, Foto: KNOWSPACE

Während man bei den noch im Bau befindlichen Projekten im CHEGS Campus im chinesischen Baoding eine Formensprache erkennt, die bereits in anderen Projekten Ihres Büros aufscheint, ist das bei den Studio Houses in Songzhuang anders. Was ist der Grund?
Ich würde nicht von Formensprache reden, mir geht es in meiner Arbeit eher um die Entwurfsmethodik, und da sind die Studio Houses keine Ausnahme. Ich nehme an, Sie spielen auf die Materialität an: Es ist der einzige Ziegelbau, den ich bisher realisiert habe. Ich weiß nicht, ob ich von mir aus einen Ziegelbau entworfen hätte, wenn es nicht durch die Vorschriften im Dorf vorgegeben worden wäre. Das traditionelle nordchinesische Dorf besteht aus Hofhäusern mit roten oder auch grauen Ziegeln. Zwar ist es in China so, dass das Baurecht immer weicher wird, je weiter man sich aus den großen Zentren entfernt, doch in diesem Künstlerdorf war es eine strikte Auflage, mit roten Ziegeln zu bauen.

Wie kam der Kontakt zu dem Künstler zustande?
Wir lernten uns während des Projekts zum Jinhua Architecture Park kennen. Das war ein kooperatives Projekt, bei dem Ai Weiwei 17 Architekten und Künstler aus aller Welt eingeladen hat, jeweils einen Pavillon für den Park zu gestalten. Wang Xingwei – der Künstler, für den ich später die Atelierhäuser bauen durfte – hat dort die öffentlichen Toiletten konzipiert (lacht).

Ihr Pavillon im Jinhua Architecture Park wiederum wirkt modular konzipiert.
Ja, war er auch. Entworfen wurde er als Abfolge von Fertigteilen – im Prinzip einer westlichen ökonomischen Logik folgend. In China war dann aber die rationalste und kostengünstigste Variante, den geometrisch komplexen Bau am Stück zu schalen. Die Zimmerer dort sind sehr gut, der Arbeitslohn ist niedrig und es war der bessere Weg, um das architektonische Ziel zu erreichen. So wurde in diesem Kontext der Begriff ‚Kosteneffizienz’ ganz anders besetzt als hier. Das Projekt ist also auch ein Beispiel für die kontextuelle Rückkopplung vor Ort, die das Projekt in gewisser Weise verändert, ohne dem Projekt aber zu schaden.

Im Jinhua Architecture Park gab es keinen gebauten Kontext als Maßgabe. Wodurch ergab sich die von Ihnen genannte ‚komplexe’ Geometrie des Pavillons?
Ich würde von einem gebauten Diagramm sprechen. Nämlich insofern, als dass sich die Geometrie des Pavillons durch das Verschneiden zweier Projektionstrichter ergab. Das Raumprogramm des Multimediapavillons interpretierte ich ganz wörtlich und machte daraus eine ‚Film-Vorführbox’.  Um die Koexistenz des Innenraums und des Open-Air-Kinos baulich zum Ausdruck zu bringen, besann ich mich auf die beiden Projektionstrichter. Im Grunde genommen ist die Ausgangsgeometrie eine einfache Röhre, die vom virtuellen Raum eines äußeren und eines inneren Projektionstrichters verformt wird. Die Nutzung findet also eine direkte physische Entsprechung im Gebäude.

In Baoding hatten Sie die Chance, gleich mehrere Bauten auf engstem Raum zu entwickeln, die derzeit teilweise noch im Bau sind. Wie kam es dazu?
Eigentlich sollte ich nur ein Projekt umsetzen. Es gab dort eine alte Lagerhalle aus den 1970er Jahren, die zu einem Freizeitraum für die Mitarbeiter umgebaut werden sollte. Nach dem damaligen Planungsstand durfte dieses Haus aber nicht abgerissen werden, und so konzipierten wir eine Umnutzung. Dann kam die Frage auf, ob nicht das Hauptgebäude um einen zehngeschossigen Laborturm erweitert werden sollte, und so habe ich dafür eine Idee entwickelt. Schließlich sollte das Torhaus modernisiert werden, kein Neubau zwar, aber eine neue Fassade. In der Zwischenzeit durfte die alte Lagerhalle doch abgerissen werden, und es wurde eine Kantine benötigt. Die inzwischen bis zur Ausführungsplanung fortgeschrittene Planung war hinfällig, und die Kantine ist ein ganz neues Projekt geworden. Solche Prozesse sind in China nicht ungewöhnlich.

KNOWSPACE, CHEGS-Campus, Laborturm, Entwurf, Baoding, China 2012 ff.

KNOWSPACE, CHEGS-Campus, Laborturm, Entwurf, Baoding, China 2012 ff.

Die Kantine wird geprägt von einer massiven Natursteinfassade, die sich wie eine zweite Haut um das Gebäude zieht und sich partiell immer wieder auflockert und verdichtet.
Im Inneren verbirgt sich auf zwei Etagen jeweils ein kontinuierlicher großer Raum. Die Auflockerung der steinernen Fassade ergibt sich durch die dahinterliegenden raumhohen Glasfenster, dazu kommen pro Etage je zwei große Öffnungen, die nicht von den Steinen verdeckt werden. Im Baoding wird es im Sommer mitunter sehr heiß, so dass die Verschattung durch die Steinfassade einen sehr konkreten Zweck erfüllt. Die Form orientiert sich in meinen Entwürfen immer an der performance

Sie haben als Kind zwei Jahre in China gelebt und bis vor kurzem an der China Academy of Art unterrichtet. Für die einen ist es das gelobte Land, in dem man  großmaßstäblich arbeiten und ganze Städte entwickeln kann, für andere scheint es problematisch: angefangen vom Entzug der Ausführungsplanung über den vermeintlichen Diebstahl geistigen Eigentums bis hin zu Fragen nach der politischen Verantwortung des Architekten. Sie haben vor allem kleinere Projekte in China realisiert. Wie verhält es sich da?
Ich möchte klar unterscheiden zwischen Großprojekten und den kleinen, für chinesische Verhältnisse winzigen Projekten, die ich dort gemacht habe. Grundsätzlich bleibt es ambivalent: Es ist aufregend, was sich in China alles verändert – auch gesellschaftlich – und die Bautätigkeit geht damit einher. Es gibt große Chancen, gleichzeitig geht vieles in die falsche Richtung. Im Städtebau zum Beispiel wird zuviel ‚top down’ geplant. Das folgt der klassisch modernen Utopie, aber so kann auf urbaner Ebene nicht viel Qualität im menschlichen Maßstab entstehen. Was aber das Bauen von Einzelprojekten betrifft, so gibt es aber auch interessante Aspekte. Dass es beispielsweise Entwurfsarchitekten und Ausführungsarchitekten gibt, ist nicht unbedingt schlecht. Die Abläufe sind oft auch anders als in Europa; manche mag das frustrieren, ich finde es spannend, da es eine Anpassung erfordert. Wir sind zum Beispiel bei den chinesischen Projekten dazu übergegangen, sie ohne Details zu entwickeln. Oder aber mit so einfachen Details, dass sie extrem fehlerresistent sind. Vielleicht könnte dies auch für andere Kontexte eine funktionierende Arbeitsweise sein. Gute Architektur mit Details, die im Grunde jeder realisieren kann – auch schlecht oder nicht ausgebildete Bauarbeiter wie etwa die Bauern in Songzhuang – das ist an sich schon ein Wert.

Das erinnert an die Haltung einiger angelsächsischer oder niederländischer Büros, die viele Detailfragen – für deutsche Architekten ungewohnt – offen lassen, im Vertrauen darauf, dass sie auf der Baustelle schon noch schlüssig beantwortet würden. Ist das ein Ansatz, den Sie aus Ihrer Mitarbeit bei OMA mitgebracht haben?
Vielleicht kommt das unbewusst von dort, ja (lacht). Auf jeden Fall habe ich die diagrammatische Arbeitsweise von OMA in mein Denken übernommen. Das beinhaltet auch, ein Diagramm bis zum Ende durchzuhalten. Ob das Detail des Fensteranschlusses nun aber so oder anders aussieht, gefährdet ein starkes Diagramm an sich nicht.

In den letzten Wochen war China wieder mit negativen Schlagzeilen in den europäischen Medien präsent, die über das akute Smog-Problem chinesischer Städte berichteten…
Ich bin weder ein ‚China Basher’ noch ein ‚Panda Hugger’. Es gibt ohne Zweifel sehr viele Missstände, dennoch bin ich relativ wohlwollend. Eines der Hauptargumente ist ja immer, dass man einen solch immensen Wandel in so kurzer Zeit gar nicht anders durchführen könne, als mit Verlusten. Welche Verluste akzeptabel sind, darüber muss kritisch diskutiert werden. Auch in China gibt es Kritiker, Wang Shu ist einer von ihnen. Er sieht die Stadtentwicklung sehr kritisch und prangert an, dass die traditionelle Baukultur unwiederbringlich verloren geht. Wenn man das vergleicht mit den Dingen, die in der Stadtentwicklung in Europa in der Vergangenheit passiert sind, so müssen die Menschen in China vielleicht gewisse Erfahrungen einfach selbst machen.

KNOWSPACE, Multimedia-Pavillon, Jinhua Architecture Park, Jinhua, China 2004 – 2007, Foto: KNOWSPACE

KNOWSPACE, Multimedia-Pavillon, Jinhua Architecture Park, Jinhua, China 2004 – 2007, Foto: KNOWSPACE

Sie haben den Vergleich zur europäischen Geschichte gezogen: Können Sie sich vorstellen, dass in China in ferner oder naher Zukunft Altstädte wieder aufgebaut werden, die momentan abgerissen werden?
Das muss ich mir nicht vorstellen, das passiert bereits jetzt. Während an der einen Stelle die echte Altstadt abgerissen wird, wird ein paar Meter weiter eine fake-Altstadt nach dem gleichen Muster neu gebaut. Das ist wirklich schizophren an der aktuellen Situation in China, in der eine neue und wohlhabende Mittelschicht beginnt, wenn auch oft nur oberflächlich, sich auf die Tradition zu besinnen. Dadurch entsteht ein Markt für solche nachgebauten Altstädte. Es wird also gleichzeitig platt gemacht und neu – angeblich schöner – wieder aufgebaut. Diese Herangehensweise gibt es bei sehr vielen Projekten in China. In der Regel wird auf einem Grundstück alles, was am Ort spezifisch ist, eingeebnet und dann fängt man von dieser tabula rasa aus an. Das betrifft nicht nur Gebautes, sondern auch kleine Hügel zum Beispiel, die ein Baugrundstück in unseren Augen vielleicht interessant machen würden.

Sollten sich europäische Architekten in China überhaupt engagieren?
Warum nicht? Die Frage ist natürlich, wie viel Einfluss europäische Architekten in China haben können. Wir wissen aus der Praxis in Europa, dass Architekten gesellschaftlich immer weniger Einfluss haben. Warum sollte das ausgerechnet in China anders sein? Dennoch können wir versuchen, Einfluss zu nehmen. Das gelingt jedoch nur, wenn wir uns dem Bauen in China gegenüber nicht grundsätzlich verschließen.

Die politische Dimension von Architektur ist kompliziert – wie man unter anderem an der kontroversen Debatte um die Olympiabauten in Peking gesehen hat. Ich selbst würde keine Prunkbauten für die Kommunistische Partei planen. Gleichzeitig ist es jedoch nicht immer leicht, die Grenze zu ziehen in einem Land, in dem die Partei alle Ebenen der Gesellschaft durchzieht. Kaum ein Projekt wird ganz ohne Kontakt mit Parteifunktionären realisiert, das ist für Architekten aus dem Ausland nicht unbedingt immer ersichtlich. Gleichzeitig wäre es in meinen Augen jedoch töricht, wegen des politischen Systems in China keine Gebäude mehr zu planen, die der Verbesserung der gebauten Umwelt für die Bevölkerung dienen. Chinesische Architekten stellen die Grundsatzfrage über das Engagement ausländischer Architekten interessanterweise nicht. Es wird aber nicht mehr immer alles automatisch für gut befunden, nur weil es aus dem Ausland kommt. Als Architekt frage ich mich daher nicht, ob ich in China bauen sollte, sondern wie.

Erhard An-He Kinzelbach spricht am 8. Mai ab 20 Uhr im Glashaus des DAZ mit Andreas Denk und David Kasparek über Einflüsse, Diagramme und das Arbeiten in China.

www.knowspace.eu

neu im club wird unterstützt von Republic of Fritz Hansen, Epson, den BDA-Partnern und den Unternehmen des DAZ-Freundeskreis.

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