Buch der Woche: Elements of Architecture

Unvollständige Enzyklopädie

Im Jahr 2014 kuratierte Rem Koolhaas die Architekturbiennale in Venedig. Titel der Schau war „Elements of Architecture“ und genau das wurde dann auch gezeigt: eine objektivierte Zusammenstellung jener Elemente, die Koolhaas mit seinem Heer von Helfern ausgemacht hatten, aus denen sich Architektur zusammensetze. Ein Missverständnis in der Rezeption der Ausstellung war dabei, dass die Sammlung für das Gelingen von Architektur elementare Dinge vergessen habe. Doch war „Elements of Architecture“ nie ein Setzkasten, der – sei er nur vollständig – zu guter Architektur führe, sondern eine radikal objektive Betrachtung der Dinge, aus denen sich unsere gebaute Umwelt unter anderem zusammensetzt. Es sind nicht „die Elemente“ der Architektur, sondern nur „Elemente“, die Koolhaas ausgemacht hat: Boden, Decke, Dach, Tür, Wand, Treppe, Toilette, Fenster, Fassade, Balkon, Flur, Feuerstelle, Rampe, Rolltreppe und Fahrstuhl. Sie führen in ihrer partiellen oder kompletten Addition eben nicht zwangsläufig zu guter Architektur.

Rem Koolhaas: Elements of Architecture

Manch einer wandte ein, dass Licht, Material, Atmosphäre und Schönheit die eigentlichen Elemente der Architektur seien – auch um sich abzugrenzen gegen das, was von einigen das „bloße Bauen“ genannt wird. All das spielte bei Koolhaas aber keine Rolle. Schon der Eingangsraum des ehemaligen italienischen Pavillons in den Giardini machte das 2014 deutlich: Die abgehängte Decke gilt vielen als das Sinnbild einer unästhetischen Architektur, dennoch ist sie in unserer Lebenswirklichkeit omnipräsent. Kaum ein öffentliches Gebäude oder Bürotrakt der letzten 30 Jahre, die nicht mit ihr ausgestattet wäre. Hier war sie ebenso bedrückend wie präsent und bildete den Auftakt zu einer Vielzahl unterschiedlicher Räume, die sich je einem der 15 Elemente annahmen.

Rem Koolhaas: Elements of Architecture

Das nun im Kölner Taschen-Verlag vorgelegte Mammut-Werk gleichen Titels ist vieles, aber sicher keine Anleitung zu „guter Architektur“. Wie schwer sich Licht, Material, Atmosphäre, Schönheit schließlich objektivieren lassen, machen die Diskussionen der letzten Jahrzehnte deutlich. Stattdessen trägt das mehr als 2.500 Seiten umfassende Buch den Charakter der schonungslosen Analyse des Ausstellungskatalogs von 2014 in sich. Die Macher beschreiben es als nachgerade „autistische Fokussierung auf die Einzelelemente“. Zur Biennale legten Koolhaas und sein Team 15 kleine Einzelbücher vor – jetzt ist es ein dickes: Wie ein Ziegel liegt es da, und um es nicht noch mächtiger zu machen, ist es auf sehr dünnem Papier gedruckt. So dünn, dass Text und Bilder der Rückseiten durchscheinen, was zu grafischen Überlagerungen führt, die erstaunlicherweise ins Gesamtbild passen und den Duktus des Buchs unterstreichen. Das Layout stammt von Irma Boom, die schon einige andere OMA/AMO-Publikationen grafisch verantwortete und hier eine robuste Struktur für die heterogenen Inhalte geschaffen hat. Durch die Farbigkeit, die vielen Grafiken und die unterschiedliche Qualität der Abbildungen erzielt Bloom wiederum ein Bild, das sowohl der inhaltlichen Vielschichtigkeit gerecht wird als auch von vielen als „irgendwie typisch niederländisch“ beschrieben werden wird.

Rem Koolhaas: Elements of Architecture

„Ich war schockiert, wie wenig ich etwa auch über die Geschichte der Tür wusste, obwohl ich ein relativ kultivierter und an der Geschichte interessierter Architekt bin. Wir haben die Komplexität der Gegenwart und die der Vergangenheit entdeckt“, hat Koolhaas anlässlich der Biennale gesagt. Und so ist diese Publikation eine faszinierende Sammlung von Baugeschichte, zufälligen und tradierten Zusammenhängen, äußeren und inneren Wirkzusammenhängen von Veränderungen in der Architektur gestern, heute und morgen sowie schieren Fakten. Neben der reinen Menge an Informationen überzeugen auch die Essays zu den unterschiedlichen Themen.

Rem Koolhaas: Elements of Architecture

Sie stammen neben Rem Koolhaas selbst von Stephan Trüby, Manfredo di Robilant und Jeffrey Inaba. Dazu kommen Interviews mit Werner Sobek und Tony Fadell (von Nest Labs), sowie eine exklusive Fotoserie von Wolfgang Tillmans. Seine Bilder hatten auf der Biennale eine Art kontemplativen Schlusspunkt des ausgestellten Faktenfeuerwerks gebildet, hier sind sie der ruhende Mittelpunkt, um den sich die Kapitel fügen – ironischerweise mit grellem Orange hinterlegt. Außerdem finden sich Auszüge aus Podiumsdiskussionen, die während der Biennale stattfanden, im Buch, das Rem Koolhaas, Pritzker-Preisträger von 2000, und seine Mitstreiter als eine „unvollständige Enzyklopädie“ beschreiben.

Rem Koolhaas: Elements of Architecture

In der Summe ist „Elements of Architecture“ – das dankenswerter Weise mit einer Art „Gebrauchsanweisung“ daherkommt, die die Überlagerungen der unterschiedlichen Textfarben als Anmerkungen des Herausgebers ebenso kenntlich macht wie sie ein generelles „Überleben dieses Buchs“ („To survive this book“) erst ermöglicht – eines jener Werke, die ob ihrer Fülle und Tiefe der Aufarbeitung in die Bibliothek der Standards für Lehrende wie Praktizierende in der Architektur gehören.

David Kasparek

Rem Koolhaas et al.: Elements of Architecture, 2.528 S., zahlr. Abb., gebunden, Englisch, Taschen, Köln 2018, 100,- Euro, ISBN 978-3-8365-5614-9

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