Buch der Woche: Countryside. A Report

Wo sind die Kühe hin?

Das 21. Jahrhundert erzeugt Stadt-Land-Hybride, die sich mit traditionellen Definitionen nicht mehr fassen lassen. Die chinesische Stadt Shouguang beispielsweise ist von einer schier unendlichen Landschaft aus Gewächshäusern umgeben, deren Betreiber in Hochhäusern wohnen – und das Tahoe Reno Industrial Center in Nevada (USA) ist mit den riesigen Hallen der ansässigen Technikkonzerne so groß wie eine Metropole, aber beinahe menschenleer. Mit ihrer Ausstellung im (aktuell geschlossenen) Guggenheim Museum haben sich Rem Koolhaas und sein Thinktank AMO der Spannbreite dieses Themas angenommen.

AMO, Rem Koolhaas (Hrsg.): Countryside. A Report, TASCHEN, Köln 2020

AMO, Rem Koolhaas (Hrsg.): Countryside. A Report, TASCHEN, Köln 2020

Der vorliegende Katalog verweigert sich der Erwartungshaltung, dass an eine solche Blockbuster-Ausstellung unweigerlich auch ein Coffee Table Book geknüpft sein muss. Stattdessen ist es ein Taschenbuch geworden, ein Reader zu Studienzwecken, ein Gebrauchsgegenstand. Mit ungestrichenem Papier, vielen kleinen Bildern und Tabstopps statt Absätzen (!) ist die Gestaltung (Irma Boom) scheinbar abwesend, aber eigentlich natürlich in höchstem Maße kalkuliert (ein Ansatz, den vor wenigen Jahren zum Beispiel auch der Katalog „Making Heimat“ des deutschen Beitrags zur Architekturbiennale verfolgte). „Countryside. A Report“ lautet denn auch der nüchterne Titel. Rem Koolhaas rahmt den Band mit seinen beiden Beiträgen: einer kurzen Einführung und einem ausgiebigen Fragenkatalog als Ausblick. Im Einführungstext wundert er sich, dass der ländliche Raum in gegenwärtigen Zukunftsvisionen keine Rolle mehr spielt, während er im 20. Jahrhundert noch integraler Bestandteil aller politischen Bewegungen war: von der UdSSR über den Nationalsozialismus und die chinesische Kulturrevolution bis hin zur EU. Die aktuelle Bedeutungslosigkeit beginne schon beim Begriff Countryside, der schreiend ungenau die Vielzahl nicht-urbaner Flächen fasse, die immerhin 50-mal größer seien als alle Städte der Welt.

Mobiles Bezahlen per "M-Pesa" ersetzt Banken in ländlichen Teilen Kenias, Foto: AMO

Mobiles Bezahlen per „M-Pesa“ ersetzt Banken in ländlichen Teilen Kenias, Foto: AMO

Seit einigen Jahren wird das Bild künftiger Lebensumgebungen dominiert von einer Statistik der UN, die besagt, dass bereits jetzt 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten lebt und dass dieser Anteil bis 2050 auf 70 Prozent steigen wird. Koolhaas bezeichnet diese Zahlen als Alibi, sich nur noch auf Städte fokussieren zu dürfen. Dabei sei es gerade diese kapitalgetriebene Idee von Zivilisation, die die Welt in eine Ödnis verwandle und die Ökosysteme in den Kollaps treibe. In Kenia ging die Urbanisierungsrate zuletzt sogar zurück. Die dortigen Dörfer eifern den als ungesund empfundenen Städten nicht nach, sondern suchen von vornherein nach lebenswerteren Alternativen. Wo beispielsweise ohnehin keine stationäre Bank steht, wird gleich das niedrigschwelligere mobile Bezahlen eingeführt, das zudem auch koloniale Strukturen im Bankenwesen umgehe, wie Linda Nkatha Gichuyia und Etta Madete in ihrem Beitrag herausstellen. Solche Beispiele bestärken Koolhaas in seiner Vision von Countryside „as a place to resettle, to stay alive“.

Am stärksten ist das Buch dort, wo es tatsächlich die titelgebenden Reportagen liefert. Niklas Maak, Teil des AMO-Kuratorenteams und schon 2017 für die Ausgabe „Raus aufs Land!“ des Magazins Frankfurter Allgemeine Quarterly ausführlich mit der Zukunft des Ländlichen befasst, hat für den Katalog eine Europareise unternommen. Er startete in Kerpen-Manheim, das bereits für den heranrückenden Tagebau Hambach leergezogen war, bevor dort vorübergehend Geflüchtete unterkamen. Kurzzeitig entstand so eine ländliche Utopie mit junger Bevölkerung und experimentellen Wohnformen in einer ur-deutschen gebauten Umgebung (während die ehemaligen Bewohner bereits in ihre gesichtslosen Neubauten im Retortendorf Manheim-Neu übergesiedelt waren). Dauerhaft geglückt ist solch ein neues Leben gleichermaßen für geflüchtete Menschen und verlassene Dörfer in Süd-Italien. Die malerischen Hügellagen hatten viele junge Erwachsene auf der Suche nach Arbeit verlassen. Stattdessen kamen Geflüchtete, renovierten (mit finanzieller Hilfe des Staates) die verfallenen Häuser und brachten die Infrastruktur wieder ins Rollen.

An Menschen gewöhnte Gorillas dürfen von einer bis zu achtköpfigen Touristengruppe maximal eine Stunde pro Tag besucht werden, Foto: Agape Travels

An Menschen gewöhnte Gorillas dürfen von einer bis zu achtköpfigen Touristengruppe maximal eine Stunde pro Tag besucht werden, Foto: Agape Travels

Viele Beiträge machen deutlich, dass es bei einer von Countryside geprägten Zukunft nicht darum gehen kann, sich die Natur zu unterwerfen und gefügig zu machen. Das Buch erzählt eine eindrückliche Anekdote von Berggorillas in Uganda, die an die Präsenz von Menschen gewöhnt wurden, damit diese sich ihnen zu wissenschaftlichen und eingeschränkt auch touristischen Zwecken nähern können. Weil sich umgekehrt nun auch die Affen für das menschliche Habitat zu interessieren begannen, wurde am Rande des Bwindi-Nationalparks eine Pufferzone errichtet, die diese Neugier mit unspektakulärer Bepflanzung ersticken sollte. Seit der Wind allerdings bald attraktive Samen hierher trug, kommen die Gorillas gern – und treffen auf Bauern, die sich Teile des freien Lands als Nutzfläche aneignen. So ist aus dem Grenzstreifen eine Begegnungszone geworden, in der Tier und Mensch ihr Nachbarschaftsverhältnis aushandeln.

Pixel-Farming-Experiment, Droevendaal Organic Experimental and Training Farm, Wageningen, Niederlande, Foto: Lenora Ditzler

Pixel-Farming-Experiment, Droevendaal Organic Experimental and Training Farm, Wageningen, Niederlande, Foto: Lenora Ditzler

Ein ähnliches Sprengen willkürlicher Grenzziehungen hat Anne M. Schneider auf einem Roadtrip durch Kalifornien entdeckt, dessen Fläche (wie insgesamt 75 Prozent der USA) nach der Unabhängigkeit in ein Raster eingeteilt und verkauft wurde. Einige Abschnitte, die das System übrig ließ, nutzen verschiedenste Gruppen (Wohnungslose, Sozial-Utopisten, Extremisten) als Freiräume für informelle Siedlungen. Während hier also ein Raster durchbrochen wird, sind an anderer Stelle Hoffnungen damit verknüpft, nämlich in der Landwirtschaft: Anstelle zerstörerischer Monokulturen werden beim so genannten Pixel-Farming unterschiedliche Sorten in kleinste Parzellen gepflanzt, damit sie gemeinsam ein vitaleres Ökosystem bilden. Die ersten Prototypen-Felder werden noch rein manuell bewirtschaftet, unter anderem von der Autorin Lenora Ditzler. Um das Prinzip großflächig und automatisiert umzusetzen, braucht es Roboter, die im Pixel-Maßstab säen und ernten können. Bereits bewährt haben sich Roboter wiederum in Japan bei Arbeiten am havarierten Reaktor in Fukushima. Nun werden sie, wie Keigo Kobayashi berichtet, auf einem nahegelegenen Testfeld zu weiteren Aufgaben „ausgebildet“, vor allem zur Reparatur der in die Jahre gekommenen japanischen Verkehrsinfrastruktur, die die Dörfer mit den Metropolen verbindet.

AMO, Rem Koolhaas (Hrsg.): Countryside. A Report, TASCHEN, Köln 2020

AMO, Rem Koolhaas (Hrsg.): Countryside. A Report, TASCHEN, Köln 2020

Vor dem Hintergrund dieser vielschichtigen Erlebnisse und Ergebnisse durchbohrt Koolhaas im letzten Teil des Katalogs schließlich das gesamte westliche Weltbild, 28 Seiten lang, mit Fragen. Er beginnt mit: „Where did the cows go?“ und landet schließlich bei: „What perverted genius thought of the name fulfillment center?” (Im Amerikanischen nämlich haben die Logistikzentren auf der grünen Wiese einen verheißungsvollen Klang von Erfüllung.) Dazwischen entspinnen sich Bewusstseinsströme von Fragen, die wie Gedichte aussehen und zwischenzeitlich auch beinahe lyrische Qualitäten entwickeln. Am Ende der Lektüre bleiben also mehr Fragen als vorher, aber gerade das ist die Leistung des Buches: Es bricht Stereotype auf und lehrt, relevante Fragen zu stellen statt vorschnelle Antworten zu geben.
Maximilian Liesner

AMO, Rem Koolhaas (Hrsg.): Countryside. A Report, Softcover mit Klappen, 10 x 16 cm, 352 S., zahlr. Abb., 20,– Euro, TASCHEN, Köln 2020, ISBN 978-3836583312

Titelbild: Koppert Cress, Niederlande, 2017, Foto: Luca Locatelli

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