BDA Bayern

Wohnbau-Perspektiven

Mit Josef Schmid, Zweiter Bürgermeister und Leiter des Referats für Arbeit und Wirtschaft der Landeshauptstadt München und Prof. Bruno Krucker, von Ballmoos Krucker Architekten, Zürich und Lehrstuhl für Städtebau und Wohnungswesen, TU München, Moderation: Frank Kaltenbach, Redakteur DETAIL

„Sie müssen sich als Politiker bewusst sein, welche enorme Verantwortung Sie mit dem Bau neuer Wohnquartiere haben, vor allem gegenüber der nächsten Generation. Wir Architekten würden uns freuen, gemeinsam mit Ihnen in den nächsten zehn Jahren diese Verantwortung wahr zu nehmen.“ Mit diesen Worten nahm Bruno Krucker (Ballmoos Krucker Architekten Zürich, und Lehrstuhl für Städtebau und Wohnungswesen an der TU München), auch bei seinem Schlusswort kein Blatt vor den Mund. Über eineinhalb Stunden hatte der Zürcher Architekt und Professor an der TU München lebhaft und durchaus kontrovers mit Josef Schmid, dem Zweiten Bürgermeister der Landeshauptstadt München, über die momentane Praxis und mögliche Verbesserungspotenziale bei der Bewältigung der Wohnungsnachfrage diskutiert. „Wir brauchen den Blick und die Anregungen von außen und natürlich brauchen wir die politischen Entscheidungsträger, wenn es um die Durchsetzung von mehr Baukultur geht“, konstatierte der Landesvorsitzende Karlheinz Beer in seiner Einführung.

Mit Josef Schmid saß ein Profi auf dem Podium, der sich viele Jahre als Rechtsanwalt und in verschiedenen Stadtratsausschüssen intensiv mit Stadtplanung auseinandergesetzt hat. „Wir wissen, dass wir längst die angestrebte Zahl von 7.000 Neubauwohnungen pro Jahr überschritten haben“,  entgegnete er einer Publikumsfrage. „Ich setze mich dafür ein, dass dementsprechend das Personal in der Verwaltung aufgestockt wird, um diese Mehrarbeit auch zügig leisten zu können.“ Die Baunutzungsverordnung sei jedoch nicht ohne weiteres zu ändern, wie Peter Scheller gefordert hat. „Das ist ein Bundesgesetz, das in großen Gebieten Deutschlands immer noch seine Berechtigung hat. Nur in wachsenden Städten wie München entspricht es nicht mehr den Anforderungen – hier müssen wir eine individuelle Regelung finden.“

Wie unverbindlich das 1998 aufgesetzte strategische Stadtentwicklungskonzept „Perspektive München“ unter den Stichworten „kompakt, urban, grün“ ausgearbeitet ist, zeigten die Formulierungen des neuen Leitmotivs „Stadt im Gleichgewicht“ und der vier strategischen Leitlinien, die 2013 vom Stadtrat verabschiedet wurden. „Das sind sehr abstrakte Formulierungen, die als Zielsetzung ihre Berechtigung haben, aber da bedarf es einer weiteren konkreteren Ebene zwischen Strategiepapier und Realisierung.“ Schließlich ist Schmid erst seit einem Jahr Teil der regierenden CSU-SPD Koalition.

Was kann München von Zürich lernen? Kleinere Wettbewerbsjurys, Jurymitglieder, die die teilnehmenden Architekturbüros nach der Aufgabenstellung auswählen und Verantwortung für das Ergebnis tragen, weniger Bodenpreisspekulation durch einen hohen Anteil an Genossenschaften, Planungssicherheit durch ein Baurecht, das für die einzelnen Bezirke festgeschrieben ist und nicht fallweise durch Paragraph 34 oder Bebauungspläne, die aus Architektenwettbewerben hervorgegangen sind, ausgehandelt werden muss? Völlig unverständlich ist für Bruno Krucker, dass die Landeshauptstadt Grundstücke an private Bauträger veräußert, ohne dass das Planungsreferat verbindliche Qualitätskriterien vertraglich vereinbart.

Da müsste man sich nicht wundern, wenn die Architekten nach dem Wettbewerb kaum mehr Einfluss auf die Gebäudequalität behalten und am Ende überteuerte, unzulängliche Wohnungen herauskommen. In Wien dagegen erarbeiten Bauträger gemeinsam mit Architekten ihre Wettbewerbsentwürfe und sind an Qualität und Kostenschätzung bis zur Übergabe gebunden. Josef Schmid kennt die scheinbare Ohnmacht der Stadt gegenüber Investoren, relativiert aber: „Auch in München gibt es viele Auflagen für Bauträger und Investoren, etwa was den Anteil an geförderten Wohnungen betrifft. Aber wie soll man architektonische Qualität definieren? Da hat jeder eine andere Vorstellung.“ Kleinere Parzellen würden wenigstens die Gleichförmigkeit begrenzen, lautete ein Vorschlag aus dem Publikum.

Besorgt zeigte sich Bruno Krucker um die nachwachsende Architektengeneration. „Es ist kein Wunder, wenn die begabtesten Absolventen nicht in Münchner Architekturbüros arbeiten wollen, sondern in Städten wie Zürich oder Wien. Durch die VOF-Verfahren, bei denen realisierte Referenzen in der gleichen Bauaufgabe Teilnahmebedingung sind, haben sie hier keine Chance, ein eigenes Büro aufzubauen. In Zürich werden neben zehn renommierten Teilnehmern auch immer zwei junge Büros zu Wettbewerben eingeladen.“

Verbesserungspotenzial sah auch Josef Schmid: „Wenn man sieht, wie der unkonventionelle Städtebauentwurf des ersten Preises für München-Freiham in der weiteren Überarbeitung zu einem ähnlich gleichförmigen Ergebnis führt wie die Parkstadt Schwabing oder der Hirschgarten, ist das schon enttäuschend. Für mich ist Vielfalt wichtig, deshalb werden wir in Zukunft vermehrt die Zusammenstellungen von Wettbewerbsjurys und Teilnehmern neu überdenken. Vielfalt bedeutet für mich auch, dass trotz aller Notwendigkeit zur Verdichtung die Gartenstädte ihren grünen Charakter behalten.“ Für Bruno Krucker dagegen trägt ein Zuviel an Grün dazu bei, dass unsere neuen Stadträume halbherzig und kraftlos wirken: „Hier müsste die Stadtplanung klarere Vorgaben machen, dass zum Beispiel Ausfallstraßen wie die Belgradstraße einen starken urbanen Raum bilden, von dem sich die aufgelockerteren Querstraßen dann unterscheiden.“

Beide Gesprächspartner waren sich einig, dass es mehr Mut braucht in München, von Seiten der Politik, der Verwaltung, aber auch von Seiten der Architekten. Mit einer Angstkultur schafft man keine Baukultur und Politik darf nicht nur verwalten, sie muss auch gestalten.

Anne Steinberger

Fotos: Volker Derlath

 

 

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