Buch der Woche

Berliner Portraits

Berlin hat viele Gesichter: Kriegszerstörungen, Abriss und Neuplanungen, die Teilung in zwei politisch-gesellschaftliche Systeme, die Insellage Westberlins und eine beschleunigte Stadtentwicklung nach der Wende – alles hat hier spezielle Spuren hinterlassen. Die Komplexität der Stadt zu portraitieren, ist daher sicher kein ganz leichtes Unterfangen. Doch warum nicht Vielfalt durch vielfältige Perspektiven abbilden? Die drei jungen Architekten Lukas und Tobias Fink sowie Ruben Bernegger machen mit ihrer neu erschienenen Publikation „Berliner Potraits“ genau dies, indem sie elf Protagonistinnen und Protagonisten des Berliner Architekturgeschehens in Interviews die letzten Jahrzehnte und die heutige Entwicklung reflektieren lassen. Dabei zeigt sich, dass viele aktuelle Themen, die die Berliner heute bewegen, schon seit langem brisant sind.

„Stadt besteht eben aus grundsätzlich unterschiedlichen Auffassungen“, sagen die Architekten Rolf und Roosje Rave im Gespräch. Darin wird der Textband dem Charakter der Stadt in jedem Fall gerecht, denn es stehen sehr verschiedene Akteure mit teils divergierenden Meinungen nebeneinander: Unter den Interviewten finden sich bekannte Größen wie Hans Kollhoff, Arno Brandlhuber, Rob Krier, Hans Stimmann, Volkwin Marg und Matthias Sauerbruch. Aber auch außerhalb Berlins weniger bekannte Akteure wie Inken Baller, Klaus Zillich und die in Ostberlin tätigen Architekten Roland Korn und Manfred Zumpe kommen zu Wort.

Roland Korn, Foto: Tobias Fink

Die Verflechtungen von persönlichen Biografien mit der Stadtgeschichte sind spannend zu lesen. Exemplarisch sei hier Roland Korn herausgegriffen, der 1973 zum Chefarchitekten von Ost-Berlin ernannt wurde. Zur Überzeugung, dieses Amt anzunehmen, sei er unter anderem durch das üppige Einkommen von 3200 Ostmark gelangt – welches damals einem Ministergehalt entsprach. Fast zwanzig Jahre blieb er in dieser leitenden Funktion, bis seine Stelle nach der Wende abgesägt wurde. Einiges an Frustration klingt hierbei durch, die sich auch auf den späteren Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR bezieht: „Ich merkte bald: Jetzt wird alles zunichte gemacht, was wir geplant und gebaut haben“, so Korn.

Hans Kollhoff, Foto: Tobias Fink

Den Kontrapunkt bildet in dieser Hinsicht Hans Kollhoff, einer der Vertreter des städtebaulichen Leitbilds im wiedervereinigten Berlin, der „Kritischen Rekonstruktion“. „Muss man da traurig sein, wenn der ‚Lampenladen‘ weichen musste?“, fragt dieser suggestiv mit Blick auf den Abriss des Palastes der Republik im Jahr 2008. Während er das Ideal des langjährigen Senatsbaudirektors Hans Stimmann, nämlich die europäische Stadt mit Blockrandbebauung und steinernen Fassaden, vertritt, lässt Inken Baller kritische Töne anklingen. Für sie sei Stimmann „etwas zu weit gegangen“. Denn es sei zwar „durchaus sinnvoll, einen Stadtgrundriss zu bewahren“, man könne ihn „aber auch neu interpretieren.“ Der Senatsbaudirektor sei daher „viel zu starr gewesen“. Sicher trafen aber auch ihre Bauten, die sie mit ihrem damaligen Mann Hinrich Baller in Berlin umsetzte, in ihrer ornamental-organischen Formensprache ein Bedürfnis nach vermeintlich verloren gegangenen Stadtqualitäten. Den Schlossbau, den Kollhoff für „extrem wichtig für das ganze Land“ hält, sieht Baller jedoch als „Katastrophe“ an.

Inken Baller, Foto: Tobias Fink

Die Frage nach der Rekonstruktion der historischen Stadt ist, wie die Autoren richtig feststellen, spätestens seit der IBA 1987 „von zentraler Bedeutung“. Denn wenngleich sich die meisten Architekten in den Qualitäten urbaner Räume einig zu sein scheinen, gehen die Meinungen deutlich auseinander, wenn es um deren Übersetzung in die heutige Stadt geht. Dabei polarisiert insbesondere der Blick auf das Berliner Stadtschloss. Umso interessanter ist es, die Perspektive Stimmanns im Buch nachlesen zu können, der mit seinem Leitbild die Stadt über viele Jahre hinweg prägte. Neben dem hochemotionalen Wiederaufbau-Thema spielen aber auch die Immobilienentwicklung der letzten Jahre, soziale Wohnungsbaupolitik, Privatisierung und soziale Durchmischung eine Rolle. Hier sind etwa die Gespräche mit Arno Brandlhuber und Matthias Sauerbruch hervorzuheben.

Berliner Portraits. Erzählungen zur Architektur der Stadt.

Warum sieht Berlin also so aus, wie es aussieht? Welche politischen und gesellschaftlichen Bedingungen wirkten auf das Architekturgeschehen ein? Dem Interviewband gelingt es, die Antworten auf diese Fragen um das zu erweitern, was Stadtgeschichte eigentlich erst richtig anschaulich macht: Einblicke in persönliche Motivationen, Haltungen, Erfahrungen und Begegnungen, die sich in ihrer Gesamtheit zu einem vielschichtigen Bild zusammensetzen.

Elina Potratz

Berliner Portraits. Erzählungen zur Architektur der Stadt. Herausgegeben von Lukas Fink, Tobias Fink, Ruben Bernegger, 264 S., 11 SW-, 55 Farbabb., 19, – Euro, Verlag der Buchhandlung Walther König, Berlin 2019, ISBN: 978-3-96098-654-6

Videos der Interviews aus dem Band können auf der Internetseite der Berliner Portraits angeschaut werden.

Berliner Portraits. Erzählungen zur Architektur der Stadt.

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