Buch der Woche: Holzverbindungen aus Japan und Europa

Anregendes Holz

Holzbau ist en vogue. Längst haben innerstädtische Projekte nachgewiesen, dass Holzarchitektur bei weitem nicht nur in historische Museumsdörfer und verschrobene Bio-Bauten im Geiste studentenbewegter Kommunarden gehört – erst kürzlich kündigte das österreichische Büro Rüdiger Lainer + Partner an, in der Wiener Seestadt Aspern ein 24geschossiges Haus entwickeln zu wollen, bei dem der Holz-Anteil bei 75 Prozent liegt. Der japanische Architekt Shigeru Ban hat 2013 mit dem Neubau für die Tamedia-Mediengruppe in Zürich zudem unter Beweis gestellt, dass Holz als tragendes Element im innerstädtischen Geschossbau an entscheidenden Fügungspunkten auch ohne Schrauben und Nägel auskommt.

Das Argument, dass solche Architekturen ob des nicht gewährleisteten Brandschutzes nicht ausführbar seien – wie in diversen online-Portalen von Kritikern milde lächelnd angemerkt wird – hat Shigeru Ban nebenbei auch beiseite geschoben: alles nur eine Frage der Dimensionierung. Der tragende Holzkern darf im Brandfall nicht beschädigt werden, die äußeren Bereiche der hölzernen Tragstruktur können verkohlen. Intelligent eingesetzt kann Holz also ähnliches leisten wie Stahlbeton, was Architekten und ausgewiesene Fachleute wie der Österreicher Hermann Kauffmann, oder der an der TU Darmstadt lehrende Manfred Hegger in der Vergangenheit immer wieder betont haben.

Ohnehin ist es eine der liebsten Aufgaben von Architektinnen und Architekten, sich die Details ihrer Bauten bis ins Kleinste zu erdenken und schließlich umgesetzt zu sehen. Dass Holz sich hier – womöglich wie kein zweiter Baustoff – anbietet, macht das von der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) jetzt neu aufgelegte Buch „Holzverbindungen“ von Wolfram Graubner deutlich. Der gelernte Holztechniker stellt auf 176 Seiten japanische Lösungen den hiesigen gegenüber – und erweitert das Spektrum des Möglichen gewaltig. Zuerst 1986 erschienen, war die Publikation mit dem Ausverkauf der achten Auflage seit 2004 nicht mehr erhältlich. Aktualisiert liegt sie nun wieder vor, was einem erneuten Zugang zu alten Quellen gleicht. Nach einem vorangestellten Text von Hugo Kükelhaus, der unter anderem das unvermeidbare Beispiel des Ab- und Wiederaufbaus japanischer Heiligtümer benennt, führt Graubner zunächst in Historie der Handwerkskunst und die grundlegenden Eigenschaften des Werkstoffs Holz ein. Profunde benennt er dabei nicht nur die unterschiedlichen Holzarten, ihr Verhalten vor und während der Verarbeitung, sondern auch den Einfluss der Einschlagmethoden, die Bedeutung von Trocknung und Lagerung sowie unterschiedliche Methoden des Holzschutzes.

Anschließend stellt er die Entwicklung von Holzbauweisen vor. Besonders spektakulär dabei die Explosionszeichnung nebst Isometrie zu jenem chinesischen Konsolenbauteil, das Rem Koolhaas´ Arbeitsbienen für die letztjährige Biennale in Venedig in Styrodur nachbauen mussten. Auf historischen Tafeln werden anschließend die mannigfaltigen Werkzeuge des traditionellen japanischen Holzbaus sowie einige Fotografien ihrer Anwendung im hier und jetzt gezeigt. In Japan sind rund 400 sinnvolle Holzverbindungen bekannt, die derart raffiniert durchdacht und in sich verschränkt sind, dass man sie von außen kaum wahrnimmt.

Der mit Abstand größte Teil des Buches widmet sich nun genau diesen Fügungen. Sie werden in kurzen trockenen, aber prägnanten Texten, isometrischen Strichzeichnungen und schwarz-weiß-Fotografien einzeln aufgeführt. Besonders die Fotos, die die ausgeführten Verbindungspunkte – jeweils von jeglichem Kontext befreit – auf schwarzem Grund zeigen, geben dem theoretischen Teil aus Text und Zeichnung eine sinnfällige Konkretion. Nichts, was bekannt ist, wird hier ausgelassen, einiges Vergessenes wieder ans Tageslicht befördert. In der Gegenüberstellung mit europäischen Holzverbindungen ergeben sich jedenfalls für die heutige Planung zahlreiche Anregungen für die Weiterentwicklung aktuellen Holzbaus.

David Kasparek

Wolfram Graubner: Holzverbindungen. Gegenüberstellungen japanischer und europäischer Lösungen, aktualisierte Neuauflage, 176 S., 577 Abb., 49,99 Euro, DVA, München 2015, ISBN: 978-3-421-03995-8

Artikel teilen:

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*