Buch der Woche: Welche Denkmale welcher Moderne?

Heterogenität als roter Faden

Zur Frage, wie wir mit dem Gebäudebestand der Nachkriegsmoderne umgehen, sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Publikationen erschienen. Die Tatsache, dass eine rein zeitstrahltechnische Erfassung eine Vielzahl von Bauten unter Denkmalschutz stellen würde, hat zur Diskussion geführt, dass eine qualitative Einordnung des umfangreichen Gebäudebestands dringlich ist. Um welche Bauten geht es also? Und wie lassen sie sich architekturhistorisch einordnen?

Das von Ingrid Scheurmann, Frank Eckardt, Hans-Rudolf Meier und Wolfgang Sonne herausgegebene Buch „Welche Denkmale welcher Moderne?“ beschäftigt sich nun ebenfalls mit dem Zeitraum der 1960er-, 1970er- und 1980er Jahre. Die Publikation begeht dabei nicht den Fehler, diese Zeit als besondere Epoche oder irgendwie abgeschlossene Dekade zu definieren, sondern unternimmt einen weiteren Versuch, die Ära in einen großen Bogen facettenreicher Spielarten von Moderne einzuordnen.

Dass das gelingt, ist auch der Vielschichtigkeit der Beiträge zu verdanken. So werden nicht einfach nur unterschiedliche und vermeintlich prototypisch gebaute Beispiele aneinandergereiht, sondern konkret bestimmte Themen abgeklopft. Der Reigen geht dabei von gesamtgesellschaftlichen Fragen bis hin zu konkreten Begriffsdefinitionen. Torben Kiepke beispielsweise führt die „Begriffswolken“ von „Nachkriegsmoderne“, „Ostmoderne“, „Soviet Modernism“, skandinavischer „Built welfare“, britischer „Post War“-Architektur oder osteuropäischem „Sozmodernism“ in einem Text zusammen, der sowohl die unterschiedlichen formalästhetischen Ausprägungen wie auch die lokalen Bedingtheiten zum Zeitpunkt der Entstehung der Bauten beleuchtet.

Frank Eckardt / Hans-Rudolf Meier / Ingrid Scheurmann / Wolfgang Sonne (Hrsg.): Welche Denkmale welcher Moderne? Zum Umgang mit Bauten der 1960er und 1970er Jahre, Hardcover, 324 S, ca. 165 farb. und s/w Abb., Jovis Verlag, Berlin 2017, 38,– Euro, ISBN 978-3-86859-443-0

Bemerkenswert auch der Essay von Franck Eckardt, der die Rolle von Migrantinnen und Migranten beim Entstehen von heute als ikonisch bewerteten Bauten der 1960er- und -70er Jahre beschreibt. Oder Simone Bogner, die im Text „Denkmale der Vergangenheit“ den speziellen Umgang mit jenen Bauten umkreist, die bereits in der DDR unter Schutz gestellt wurden. Dabei benennt Bogner sowohl die verschiedenen Modelle, nach denen in der DDR gearbeitet wurde, als auch den Missstand, dass es sich bei den damals unter Denkmalschutz gestellten Architekturen heute um eher ungeliebte Relikte einer Zeit handelt, die viele vergessen machen wollen. Sonja Hnilica schließlich legt eine Ideengeschichte von „Großstrukturen der Nachkriegsmoderne“ vor und erörtert die sich daraus ergebenden „Konservierungsfragen“. Während sich die breite Maße der Sachverständigen – und immer mehr Fachfremde – auf Projekte der frühen 1960er Jahren einigen können, schlägt den technoiden oder spät-brutalistischen Großstrukturen der späten 1970er und frühen 1980er Jahre noch immer mindestens Skepsis entgegen, wenn für sie Fragen einer denkmalpflegerischen Behandlung besprochen werden.

So bildet die Heterogenität der Beiträge den roten Faden des Buches – ein Ansatz, der der baulichen Verschiedenartigkeit jener Zeit durchaus angemessen erscheint. Den Abschluss bildet folgerichtig auch nicht ein Vorschlag zum denkmalpflegerischen Umgang mit den verschiedenen Moderne-Strömungen dieser Epoche, sondern eine Vorstellung von unterschiedlichen Erhaltungsformen anhand von konkreten Beispielen. Diese Liste macht dabei auch deutlich, dass eine Erfassung durch die Denkmalpflege oder ein konkretes unter Schutz stellen, noch lange nicht den Erhalt eines Gebäudes garantieren. Diese multiple Herangehensweise ist dem Buch schließlich ebenso hoch anzurechnen wie die Auswahl der gezeigten Projekte, die von allseits bekannten Klassikern bis hin zu lokalen Speziosen reichen.

David Kasparek

Frank Eckardt/Hans-Rudolf Meier/Ingrid Scheurmann/Wolfgang Sonne (Hrsg.): Welche Denkmale welcher Moderne? Zum Umgang mit Bauten der 1960er und 1970er Jahre, Hardcover, 324 S., ca. 165 farb. und s/w Abb., Jovis Verlag, Berlin 2017, 38,– Euro, ISBN 978-3-86859-443-0

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