16 Stationen. Wanderungen im Remstal

Station 10+11: Remshalden bis Weinstadt

Station 10: Remshalden
Schulz und Schulz, Leipzig
Geokoordinaten: 48.816105, 9.427723

Schulz und Schulz, Musikpavillon, Remshalden, Foto: Andreas Denk

Benedikt und Ansgar Schulz haben es mit einem der schwierigsten Standorte der „16 Stationen“ zu tun bekommen. Für eine Hangwiese zwischen Remshalden und dem östlich gelegenen Nachbarort Rollhof haben die Leipziger einen kleinen, weißlackierten Stahlpavillon entworfen. An dieser Stelle hat die Gemeinde einen Bürgerpark geplant, der jetzt eine Vielzahl von unterschiedlichen Elementen der Gartenschau aufnimmt. Das Bauwerk der Gebrüder Schulz soll hier den Typ des Musikpavillons abstrahieren und neu interpretieren.

Schulz und Schulz, Musikpavillon, Remshalden, Foto: Andreas Denk

Die raffinierte Konstruktion, bei der alle Stäbe des Tragwerks in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander stehen, belegt die konstruktiv-gestalterischen Ambitionen der Architekten. Dennoch fehlt der Figur die materielle Präsenz und der Ortsbezug: Die lichte Erscheinung könnte an jedem anderen Ort der Gegend stehen. Universalität und Autonomie der Konstruktion werden hier zum Nachteil. Denn der Pavillon ist einer gnadenlosen Konkurrenz ausgesetzt.

Schulz und Schulz, Musikpavillon, Remshalden, Foto: Andreas Denk

In unmittelbarer Nachbarschaft finden sich mehrere Eigenheime, ein Sportparcours für Kinder und Jugendliche, ein paar Pflanzrabatten, einige zweitrangige abstrakte Skulpturen und ein monumentaler Holztisch mit Baumstrunksitzen, der als sozio-künstlerisches Projekt verstanden werden will. Dieser optischen und materiellen Überfüllung der Wiese kann die Konstruktion der Gebrüder Schulz visuell nichts entgegensetzen. Den verbliebenen Rest an situativer Ästhetik zerstören zu guter Letzt mehrere Betonwürfel, die als Sitzgelegenheiten den Pavillon im Halbkreis umstellen und – wohl kaum auf Veranlassung der Architekten – von Laienhand naiv bemalt sind. Das hätte man sich sparen müssen.

Schulz und Schulz, Musikpavillon, Remshalden, Foto: Andreas Denk

Station 11: Weinstadt
su und z Archtekten, München
Geokoordinaten: 48.816043, 9.364943

su und z Archtekten, „Kaminhaus“, Weinstadt, Foto: Andreas Denk

Das Gelände der ehemaligen Birkel-Nudelwerke im Weinstädter Ortsteil Endersbach befindet sich nach der Abwicklung des Mutter-Standorts kurz vor einem neuen Hoch. Die alten Produktionsanlagen am Ufer der Rems sind weitgehend verschwunden. Eine Großdruckerei hat gerade ein neues Betriebsgebäude eingeweiht. Am westlichen Ende der Industriebrache, in die allmählich neues Leben einzieht, liegt eine schmale Landzunge, die „Birkelspitze“, die in den Fluss hineinragt und mit altem Baumbestand an den Ufern ein pittoreskes Gegenbild zum neuen Druckereigebäude abliefert.

su und z Archtekten, „Kaminhaus“, Weinstadt, Foto: Andreas Denk

Der schöne neu terrassierte, zum Fluss abfallende Ort wird markiert durch eine preisgekrönte Holzbrücke von Cheret Bozic Architekten und Knippers Helbig Ingenieure, mehr noch aber durch ein Bauwerk, das die Münchner Architekten su und z als 11. Station des Architekturparcours im Remstal entworfen haben: Das „Kaminhaus“ ahmt mit seiner weiß lackierten Vierkant-Stahlstruktur den Typus der historischen Fachwerkhäuser nach, die man manchmal noch in den Dörfern des Remstals findet. Allerdings haben die Architekten auf die Ausfachung des Stahlgerüsts verzichtet und stattdessen das Gebilde mit einer betonierten Feuerstelle mit Kamin und einer daraus entwickelten, über Eck verlaufenden Sitzbank ausgestattet.

su und z Archtekten, „Kaminhaus“, Weinstadt, Foto: Andreas Denk

Die Konstruktion soll als Rastplatz und Ort für „Ruhe, Genuss und Geselligkeit“ dienen. Zumindest im Sommer scheint das gegeben. Bei schlechtem Wetter aber verweigert das „Kaminhaus“ seinen Besuchern jeden Schutz. Ob der Platz des Baus am Rande des alt-neuen Gewerbegebiet dem Vorhaben der Architekten Stefan Speier, Reinhard Unger und Florian Zielinski gerecht wird, „zwischen vergangener Zeit und heute zu vermitteln“ bleibt fraglich. Die meisten Besucher und Benutzer begreifen das Bauwerk wohl als eine etwas unzweckmäßige Grillhütte. Schon jetzt verbessert ein Holztisch mit Bank die Funktionalität des Gerüsts, was die Sinnhaftigkeit der schlichten Konstruktion zwischen Kunst und Architektur erst recht in Frage stellt.
Andreas Denk

su und z Archtekten, „Kaminhaus“, Weinstadt, Foto: Andreas Denk

Andreas Denk erforscht in seinem architektonischen Reisetagebuch die 16 „Stationen“ im Remstal und kommentiert die architektonischen Erzeugnisse, die die ungewöhnliche Gartenschau im Schwäbischen hervorgebracht hat. Die bisherigen Stationen finden sich hier:
Station 0: Im Remstal. Ein architektonisches Reisetagebuch
Station 1: Essingen
Station 2+3: Mögglingen bis Böbingen an der Rems
Station 4+5: Schwäbisch Gmünd bis Lorch
Station 6+7: Plüderhausen bis Urbach
Station 8+9: Schorndorf bis Winterbach

Remstal Gartenschau 2019
bis 20. Oktober 2019
Die meisten Gartenschauflächen sind zu jeder Zeit für die Gartenschau-Besucher geöffnet.
Weitere Informationen unter:
www.remstal.de

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