Buch der Woche: Leipzig. Architektur und Städtebau 1945 – 1976

Visionen aus der Schublade

Neben Berlin gehörte Leipzig vor dem Zweiten Weltkrieg mit rund 700.000 Einwohnern nicht nur zu den größten Städten des Deutschen Reiches, sondern nahm als Standort von Messe, Industrie und einer Universität eine bedeutende Stellung im Land ein. Während es unmittelbar nach dem Krieg vornehmlich galt, die stark zerstörten Teile Leipzigs wiederaufzubauen, ging es danach auch zunehmend darum, baulich und stadträumlich die neue Staats- und Gesellschaftsform zu manifestieren. Das kompakte Überblickswerk „Plan! Leipzig, Architektur und Städtebau 1945 – 1976“ zeigt die wechselhafte Baugeschichte der sächsischen Stadt in der Nachkriegszeit.

Darstellung der Kriegsschäden im Stadtgebiet, Dezernat Bauwesen, Stadtplanungsamt, 30. 10. 1950, Lichtpause mit farbigen Einzeichnungen

Als Rüstungs- und Industriestandort war Leipzig wichtiges Ziel der alliierten Luftangriffe und wurde gerade im innerstädtischen Bereich stark zerstört. Kurz nach Kriegsende sah man den Verlust jedoch weniger als Potential für neue Visionen, sondern strebte eher eine pragmatische Instandsetzung an. Die Bevölkerung musste erst wieder mit dem Nötigsten – Wohnungen, Infrastruktur und Fabriken – versorgt werden. Zugleich aber schmerzte offenbar die Zerstörung bedeutsamer Baudenkmale, denn vieles wurde kurz nach Kriegsende restauriert und instandgesetzt – darunter das Alte Renaissance-Rathaus auf dem zentralen innerstädtischen Marktplatz sowie der eklektizistische Bau des Neuen Rathauses im Süden des Altstadtkerns. Bereits hier schienen die ersten Konflikte zur Gestaltung der neuen öffentlichen Architekturen auf. Während einige den Sitzungssaal des Neuen Rathauses mit Verweis auf die traditionalistische Architektur in der Sowjetunion wieder im barocken Stil aufbauen wollten, hielten andere dies für überkommen – auf das Lenin-Mausoleum hinweisend, forderte beispielsweise Karola Bloch, die Ehefrau von Ernst Bloch, eine moderne Architektursprache.

Buchcover »Plan! Leipzig, Architektur und Städtebau 1945–1976«, ISBN
978-3-95498-448-0

Im Jahr 1950, nach der Veröffentlichung der „16 Grundsätze des Städtebaus“, die das Baugeschehen in der DDR für einige Jahre unter Berufung auf das sowjetische Vorbild – und insbesondere große Städte wie Moskau – prägen sollten, wurde die Anlage von Magistralen und zentralen Plätzen konzipiert. Die neue Gesellschaftsordnung sollte in für Menschenmassen und monumentale Repräsentation ausgelegten Stadträumen und Bauwerken sichtbar werden. Auch konnte man nun die durch den Krieg entstandenen Freiflächen nutzbar machen: Während an der Ostseite der Stadtmitte der Karl-Marx-Platz etabliert wurde, war die Ringstraße für den Ausbau als Magistrale vorgesehen. Die hohen Wohnbauten, die dort Mitte der fünfziger Jahre entstanden, wollten mit ihrem historisierenden Fassadendekor „dem Inhalt nach demokratisch und der Form nach national sein“, wie es in den Grundsätzen hieß.

Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz), Gewandhaus und Universitätshochhaus, 1981, Fotograf unbekannt, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Ab Mitte der 1950er Jahre wandte man sich zunehmend Fragen der Typisierung und Vorfertigung zu, um schneller und billiger zu bauen – insbesondere beim Wohnungsbau. Die Bezugnahme auf „nationale Bautraditionen“ ließ man dabei hinter sich und strebte eine internationalere, modernere Formensprache an. Als „nachgeholte Moderne“ beschreibt Thomas Topfstedt diese Entwicklung, die durch einen Wechsel der Architekten-Generationen begünstigt wurde. Viel radikaler fiel nun die Neuplanung für das innerstädtische Gebiet aus: Dem Neuen wurde hier der Primat eingeräumt, das Alte sollte sich dem unterordnen. Interessanterweise war der Markt in der Innenstadt mit dem restaurierten Renaissance-Rathaus auch Schauplatz von Rekonstruktionen alter Messehäuser. Die Mischung aus radikal neuen Bauten und historischem Antlitz verstand man als bewussten Kontrast.

Blick vom Thomaskirchturm auf das Altes Rathaus, das Messehaus am Markt und das Leipziger Messeamt, um 1968, Fotograf unbekannt, Stadtarchiv Leipzig

Während die Innenstadt als Zentrum des gesellschaftlichen und politischen Lebens ausgestaltet und mit zahlreichen individuellen Solitärbauten für öffentliche Funktionen bestückt wurde, wuchs zugleich auch der industriell gefertigte Wohnungsbau immer mehr in die Stadt hinein. Mitte bis Ende der sechziger Jahre wurden hier Wohnhochhausscheiben mit gewerblich genutzten Erdgeschosszonen errichtet. Mit den in Montagebauweise gefertigten Bauten wollte man zudem in die erhaltenen Stadtstrukturen außerhalb des Zentrums eingreifen: Durch eingeschobene Neubauten strebte man die Auflockerung der geschlossenen Bebauung und die Erzeugung fließender Räume an.

Panoramaaufnahme des Sachsenplatzes, 7. Oktober 1971, Fotograf Herbert Lachmann, Stadtarchiv Leipzig

Wie sich der bauwirtschaftliche Funktionalismus mit der Monumentalität des frühsozialistischen Städtebaus verbinden kann, zeigen die Planungen für eine Verbindungsstraße zwischen Innenstadt und Messeareal. Flankiert von Wohnbauten in Großtafelbauweise kann man die Messe Magistrale heute erleben – doch damals sah man zudem auch die Ansiedlung wichtiger Bauten für Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Bildung in eindrucksvollen Hochhausclustern vor.

Beispielhaft steht dies dafür, wie ambitionierte Pläne oftmals in der Schublade blieben und reduziertere Versionen der ursprünglichen Entwürfe verwirklicht wurden. Ein Grund dafür lag unter anderem darin, dass ab Mitte der 1970er Jahre die meisten Mittel in die Großwohnsiedlung Leipzig-Grünau in städtischer Randlage flossen. Doch ein genauerer Blick auf die Architektur der 1960er und 1970er Jahre, wie ihn die neu erschienene Publikation in prägnanter Form ermöglicht, lohnt und ist gerade wegen der teils maroden Bausubstanz dieser Bauten oft entscheidend für ihr weiteres Bestehen.

Elina Potratz

Christoph Kaufmann / Peter Leonhardt / Anett Müller: Plan! Leipzig, Architektur und Städtebau 1945–1976, 168 Seiten, 188 farbige und schwarz-weiße Abb., Sandstein Verlag, Dresden 2018, 20,– Euro, ISBN 978-3-95498-448-0

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